Reformpause bei den Schulen nötig?

Im Artikel „Macht mal Pause!“ in Die Zeit widmet sich Martin Spiewak dem Thema Reformstress an deutschen Schulen. Den Ausschlag zu diesem Artikel haben die Reaktionen auf den vorangegangenen Artikel „Pisaopfer“ gegeben, in dem von einer Grundschullehrerin berichtet wurde, die als letzten Ausweg den Tod gesehen hat, da sie mit den neuen Anforderungen nicht zurecht kam.

Über die Dauerreformen steht dort: „So umfassend und durchgreifend wie in der Bildung renoviert die Politik jedoch auf keiner anderen deutschen Reformbaustelle. Der Grund ist einfach: Auf die Schulen kann die öffentliche Hand direkt zugreifen. Genau das hat sie getan (…) Gleichzeitig hat die Öffentlichkeit das Gefühl, es passiere noch immer viel zu wenig, und macht den Politikern Druck. So dreht sich die Reformspirale immer schneller.“

weiter unten im Text dann das Dilemma der Schulen:
„Kaum jemand in der Schulverwaltung scheint alle Reformen zusammen in den Blick zu nehmen. So muss es misslingen, die Schulzeit zu verkürzen, den Unterricht zu verdichten und gleichzeitig lernschwache Schüler zu fördern.“

und am Ende des Artikels noch als Fazit:
„Kein Stopp der Reformen also, aber eine Art Moratorium. Bevor die Bildungspolitik weitere Neuerungen ausprobiert, sollte sie prüfen, welche der bisherigen sich als sinnvoll erweisen. Zehn bis fünfzehn Jahre dauere es, schätzte der ehemalige Pisa-Koordinator Jürgen Baumert einmal, bis Schulreformen Früchte tragen.“

Wenn ich da gerade so an manche Neuerung denke, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Da wurde im Rahmen des Modellversuchs Europäisches Gymnasium das Fach Natur und Technik ausprobiert und dann sofort im neuen Lehrplan eingebaut, ehe das Modellprojekt vollständig durch war…
Da haben sich Kommissionen lange für einen neuen Lehrplan für das G9 zusammengesetzt und sogar an vielen Stellen darauf geachtet, dass die einzelnen Fächer sich ergänzen. Für meine Fächer Bio/Chemie wurden sinnvoll Inhalte verändert und umgestellt und dann wird mal schnell das G8 vom Zaun gebrochen, eine neue Stundentafel dazu eingeführt und den Lehrplan mal eben so kurz auf die kürzere Zeit umverteilt…

Im Gegensatz zu vielen Kollegen und allen Klischees bin ich ein Freund von Reformen, aber der eingeschlagene Weg erscheint mir falsch. In meiner Foschungstätigkeit an der Uni habe ich vom Leiter meiner Arbeitsgruppe gelernt, dass man immer erst ein Ziel/eine Frage braucht, die man lösen will und sich dann eine Strategie zur Lösung überlegt. Je nach Erfolg muss man die Strategie verfeinern oder verwerfen und eine neue Methode suchen.
Bei vielen Reformvorhaben vermisse ich das (erkennbare) Ziel oder die (erkennbare) Bereitschaft die Mittel zur Verfügung zu stellen oder man hat den Weg zum Ziel nicht konsequent umgesetzt. Ich bin mir sicher, dass es möglich ist, mit nur 8 Jahren Gymnasium ein hochwertiges Abi zu erwerben. Das wäre vermutlich sogar mit zum G9 vergeichbarer Wochenstundenzahl pro Jahr und damit vergleichbarer Schülerbelastung möglich. Dafür hätte man aber Inhalte und nutzlose Dubletten streichen müssen. Da hätte man dann vielleicht an manchen Besitzständen oder Traditionen anecken müssen und das wollte man scheinbar nicht auch noch riskieren. Was mich persönlich besonders stresst ist das ständige Herumdoktorn in winzigen Schritten an den gleichen Problemen. Einmal ordentlich wäre bestimmt weniger anstrengend.